
Vor ein paar Wochen las ich einen LinkedIn-Post eines Geschäftsführers, für den ich seit Jahren schreibe.
Ich kenne seine Sprache, seine Haltung, seinen Humor.
Ich weiß, welche Worte er wählt – und welche er ganz sicher nicht schreiben würde.
Doch der neue Post irritierte mich.
Er war sauber formuliert, makellos strukturiert, aber er klang nicht nach ihm.
Keine Spur seiner gewohnten Klarheit, kein feiner Unterton, keine Kante, kein Störer, kein Moment, der wirklich ihm gehörte.
Ein typisches Symptom der KI-Content, wenn persönliche Stimme und Erfahrung im Text verloren gehen.
Ein paar Tage später rief er mich an. Er klang amüsiert und ein wenig ratlos. „Ich hab’s mal mit KI probiert. Und habe mich verzettelt, ich kam nicht wirklich weiter, wusste aber nicht warum.“
Wie KI die Persönlichkeit aus Geschichten nimmt
Wenig später ein zweites Erlebnis, ganz ähnlich:
Eine Kundin schickte mir den Entwurf eines Fachartikels. Ich hatte ihr die Einladung für einen Gastbeitrag in einer Managementzeitung besorgt – gerade weil sie eine starke, persönliche Führungserfahrung zu erzählen hatte.
Sie wollte von einer Situation berichten, in der sie eine Entscheidung zu schnell und ohne Rücksprache mit ihrem Team getroffen hatte – eine Entscheidung, die später für große Irritationen und Konflikte sorgte. Sie konnte dies damals klug und elegant lösen, indem sie den Fehler offen ansprach und das Gespräch suchte. Genau dieser Moment der Klarheit war der Kern ihrer Geschichte.
Doch als sie versuchte, ihre Gedanken in die KI zu geben, verschwand die Essenz des Erlebten: Die KI glättete den Konflikt, verwandelte den Moment der Unsicherheit in allgemeine Führungssätze und machte aus einer konkreten Erfahrung eine neutrale Anekdote.
Ihre Geschichte war nicht mehr erkennbar – die KI hatte sie schlicht überschrieben.
Beide Beispiele zeigen denselben Mechanismus:
KI schreibt Texte.
Aber sie schreibt nicht das, was Menschen bewegt.
Sie glättet, wo eigentlich Tiefe wäre.
Sie formuliert, wo eigentlich Erfahrung spricht.
Sie liefert Worte – aber nicht die Wahrheit dahinter.
Warum bessere Prompts nicht automatisch besseren Content erzeugen
Genau an dieser Stelle kommt oft der gut gemeinte Hinweis:
„Du musst nur bessere Prompts verwenden.“
Doch das greift zu kurz.
Denn KI kann nur das weiterdrehen, was ihr gegeben wird.
Sie erkennt keinen Mut, sie spürt keine Unsicherheit, sie versteht keinen Zwischenton.
Sie kann Komplexität sortieren, aber nicht erleben.
Und deshalb bleibt jeder KI-Text – selbst bei aufwendig optimierten Prompts – eine Interpretation ohne Ursprung.
Guter Content entsteht nicht, weil jemand die perfekte Prompt-Formel kennt.
Er entsteht, weil eine echte Erfahrung dahintersteht.
Weil jemand bereit ist, ehrlich auf etwas zu schauen und daraus einen Gedanken zu formulieren, der für andere relevant ist.
Storytelling ist keine technische Disziplin. Es ist eine menschliche.
Storytelling bleibt menschlich: Was KI nicht leisten kann
Für meine Arbeit bedeutet das:
Bevor ich einen Text schreibe, stelle ich Fragen.
Ich höre zu, sortiere, hake nach.
Ich suche nach dem Moment, der hängen bleibt – ein Nebensatz, eine kleine Beobachtung, die mehr erklärt als jeder Managementsatz.
Nach dem Gedanken, der für andere einen Wert hat, gerade weil er nicht glatt ist.
KI kann diesen Prozess unterstützen.
Aber sie kann ihn nicht ersetzen.
Sie kann Varianten liefern, aber nicht entscheiden, was wirklich wichtig ist.
Sie kann optimieren, aber nicht priorisieren.
Und sie kann keine Haltung formulieren, wenn sie ihr niemand gibt.
Dos & Don’ts in der KI-Contentproduktion
Dos
⬆️ Mit einer echten Geschichte beginnen
Ein Text braucht eine Erfahrung, keinen Prompt.
⬆️ KI als Sparringspartner nutzen
Für Struktur, Varianten und sprachliche Alternativen – nicht für den Kern.
⬆️ Zwischentöne bewahren
Das Unfertige, das Zögernde, das Gewachsene macht einen Text menschlich.
⬆️ Persönliche Sprache schützen
Jeder Mensch hat einen eigenen Wortschatz. Er ist Teil seiner Identität.
⬆️ Rückspiegel einbauen
Den fertigen Text wieder an die Person zurückgeben: Stimmt er? Ist er wahr? Ist er stimmig?
Don’ts
⬇️ KI ohne Substanz schreiben lassen
Ein Text ohne Ausgangsmaterial ist ein Text ohne Seele.
⬇️ Sich von perfekten Sätzen täuschen lassen.
Gut formuliert heißt nicht gut erzählt.
⬇️ Persönliche Momente „wegpolieren“.
Gerade das Unbequeme macht einen Text wertvoll.
⬇️ Die eigene Stimme verlieren.
Wiedererkennbarkeit entsteht nicht durch Makellosigkeit, sondern durch Individualität.
⬇️ Ausschließlich Prompting als Problemlösung betrachten.
Prompts sind Werkzeuge. Keine Haltung, keine Idee, kein Ersatz für echte Geschichte.
Was bleibt, wenn KI immer besser wird?
Vielleicht ist das die entscheidende Frage:
Was bleibt für uns, wenn KI alles kann, was technisch möglich ist?
Die Antwort ist erstaunlich einfach:
Es bleibt das, was nur Menschen können.
Der Mut, etwas Persönliches zu erzählen.
Die Fähigkeit, aus einer Erfahrung eine Erkenntnis zu formen.
Der Blick für Nuancen und Zwischentöne.
Die Entscheidung, wie viel man zeigt – und was man lieber auslässt.
Die Haltung, die zwischen den Zeilen spürbar ist, selbst wenn ein Text nur aus vier Absätzen besteht.
Und genau deshalb werden die stärksten Texte in Zukunft nicht die technisch perfektesten sein, sondern die, in denen man jemanden erkennt.
Nicht eine Maschine – sondern eine Persönlichkeit.